Das Flüstern der Riesen

Ein Picknick auf Augenhöhe im Tierpark Ströhen

Wer Elefanten begegnen will, sucht meist das Spektakel. Doch im niedersächsischen Ströhen lernt man, dass die intensivsten Momente jene sind, in denen fast nichts passiert. Ein Bericht über eine Begegnung, die Maßstäbe verschiebt – und bei der man das Mückenspray nicht vergessen sollte.

 

Es gibt Momente, in denen die Welt plötzlich die Relationen korrigiert. Mit fast zwei Metern Körpergröße bin ich ein Mensch, der sich selten physisch unterlegen fühlt. Doch als ich auf einem schmalen Waldpfad im Tierpark Ströhen direkt neben einer ausgewachsenen Asiatischen Elefantenkuh gehe, schrumpft dieses Selbstverständnis binnen Sekunden. Während meine Schulter immer wieder sanft ihre raue, warme Haut berührt, wird mir bewusst: Ich bin hier nur ein kleiner Gast in einer sehr großen Welt.

 

Eine WG auf Lebenszeit: Baby, Mala und Yumba

 

Bevor das Herz übernimmt, braucht der Kopf eine Einordnung. Die drei Asiatischen Elefanten-Damen – Baby, Mala und Yumba – sind keine Unbekannten. Nach ihrem letzten Engagement in einem renommierten europäischen Traditionszirkus haben sie 2018 in Ströhen ihren wohlverdienten Altersruhesitz bezogen. Mit weit über 40 Jahren blicken sie auf eine lange gemeinsame Geschichte zurück: 

Seit Jahrzehnten sind die drei unzertrennlich.

Ihre Betreuer, die Familie Errani, sind dabei weit mehr als nur Personal. Besonders Elvis Errani, der deutlich jünger ist als seine Schützlinge, führt eine Tradition fort, die auf tiefem Vertrauen basiert. Diese gewachsene Bindung spürt man in jedem Augenblick. Der tägliche Spaziergang durch das Gelände der „Ströher Aue“ ist kein Show-Act, sondern essenzielles „Enrichment“ – geistige und körperliche Beschäftigung, die diese intelligenten Tiere brauchen.

 

Die Parade im Unterholz

 

Wenn die Gruppe durch den Wald zieht, halten sie sich instinktiv mit dem Rüssel am Schwanz ihres Vordermanns fest – ein vertrautes Bild, das ihnen Sicherheit und Gemeinschaft vermittelt. In meinem Kopf beginnt automatisch eine vertraute Melodie zu spielen: Der „Marsch der Elefanten“ aus dem Dschungelbuch.

 

Unweigerlich fühlt man sich als Teil dieser Parade, während man die feinen Unterschiede der drei Persönlichkeiten aus nächster Nähe studiert. Da ist Baby, die unangefochtene Chefin der Gruppe, erkennbar an ihrem verkürzten Schwanz. Mala besticht durch ihre auffallend glatte, helle Stirn, während Yumba etwas dunkler und „zerfurchter“ wirkt.

 

Beeindruckend ist die Ruhe, mit der diese Riesen neben einem herlaufen. Doch an manchen Stellen wird der Pfad eng. Wenn die massiven Körper den Weg ausfüllen, muss man als Begleiter aufmerksam bleiben, um nicht unbeabsichtigt von purer, friedlicher Kraft ins Gebüsch gedrückt zu werden. Es ist ein ständiger Tanz der Achtsamkeit.

 

Von Dschungel-Magie und echten Mücken

 

Doch die Natur ist kein Zeichentrickfilm. Während man ehrfürchtig neben den grauen Riesen wandert, die den Pfad sichtlich regelmäßig nutzen – worauf die monumentalen Dunghaufen unmissverständlich hinweisen –, holt einen die Realität in Form kleiner Plagegeister ein. Die Kombination aus sommerlichem Wetter, Waldfeuchtigkeit und kurzen Hosen ist eine förmliche Einladung für lokale Mückenschwärme. Wer dieses Erlebnis genießt, sollte eines unbedingt im Gepäck haben: Mückenspray. Die Stiche an den Beinen waren jedoch ein kleiner Preis für das, was auf der Lichtung folgte.

 

Die Freiheit des Nichtstuns

 

Nach etwa 15 Minuten öffnet sich der Wald zu einer idyllischen Lichtung mit einem Teich. Hier wartet kein spartanischer Snack, sondern ein Picknickkorb, der so reichhaltig gefüllt ist, dass er locker eine ganze Wandergruppe gesättigt hätte. Während wir auf den Holzbänken saßen und das wirklich gute Essen genossen, löste sich die ehrfürchtige Distanz in neugierige Nähe auf.

Das eigentliche Highlight ist die sichtbare Freude der Tiere. Auf der Lichtung dürfen sie sich frei bewegen, den Teich nutzen oder Gras zupfen. Doch die Neugier siegt oft über den Hunger auf Grünzeug: Immer wieder kam einer der Elefanten zu uns an den Tisch. Man spürte plötzlich einen Rüssel auf der eigenen Schulter oder musste hastig den Korb schließen, weil sich eine geschmeidige Rüsselspitze tastend ihren Weg zu den Leckereien bahnen wollte.

 

In diesen Momenten, im entspannten Gespräch mit den Erranis, erfährt man Dinge, die in keinem Zooführer stehen. Man lernt die leisen Töne der Elefantensprache verstehen und begreift, dass diese Riesen nicht nur Kraft, sondern auch eine feine Prise Humor besitzen.

 

Ein Fazit der leisen Töne

 

Als wir den Rückweg antreten, bleibt ein Gefühl zurück, das noch lange nachwirkt. Die Mischung aus der physischen Nähe – Arm an Haut mit einem Elefanten –, der Dschungelbuch-Melodie im Ohr und der spielerischen Leichtigkeit auf der Lichtung macht dieses Erlebnis einzigartig.

Wir haben gelernt, dass intensive Tierbegegnungen nicht laut sein müssen. Dass Vertrauen die wertvollste Währung im Umgang mit solchen Giganten ist. Wer nach Ströhen kommt, sollte Zeit, Appetit und einen guten Mückenschutz mitbringen. Man geht mit einer Erfahrung nach Hause, die leise ist – und gerade deshalb den eigenen Blick auf die Welt nachhaltig verändert.

 

Steckbrief der drei Damen

 

Baby: Die größte der Gruppe und die „Chefin“. Markenzeichen: verkürzter Schwanz.

 

Mala: Sanftes Wesen mit einer auffallend glatten, hellen Stirn.

 

Yumba: Die Individualistin. Etwas dunkler und behaarter, liebt die Selbstbeschäftigung.

 

Hinweis: Das Elefanten-Picknick im Tierpark Ströhen ist Teil des EleFun-Programms. Die Angebote sind buchungspflichtig, finden in kleinen Gruppen statt und orientieren sich strikt an den Bedürfnissen der Tiere.

 

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